Die eiserne Maria

Ein Dokumentarfilm (60 min.) von Ingeborg Jacobs
Deutschland 2001

augenfilme

Irgendwo gebettelt, irgendwo geklaut. Von ihrem 7. bis zum 15. Lebensjahr war dies die Lebensgrundlage von Liesabeth Otto. Sie war eines der sogenannten "Wolfskinder", die beim Kampf um Ostpreußen Ihre Eltern verloren und noch Jahre umherirrten. Doch dies war erst der Auftakt einer Odyssee durch russische Kindergefängnisse und Frauenstraflager. Ingeborg Jacobs und Hartmut Seifert haben die einzigartige Lebensgeschichte von Liesabeth Otto in einem sensiblen Porträt festgehalten. Sieben Jahre sind sie immer wieder nach Russland und Litauen gefahren, fasziniert von der "Eisernen Maria", wie sie im Straflager genannt wurde, und haben mit ihr die Stationen ihres Lebens besucht.

Autorin Ingeborg Jacobs und Kameramann Hartmut Seifert sind für ihre gemeinsamen Arbeiten schon mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem World Television Award, dem Bayrischen Fernsehpreis und dreimal mit dem Deutschen Kamerapreis. Der Film ist eine Ko-Produktion zwischen der Kölner Troika Dokumentarfilm und ZDF/ARTE. Die Redaktion hat Selina Riefenstahl.

Nachdem ihre Mutter verhungert ist, läuft die damals knapp Siebenjährige aus der Ruine weg, in der sie mit Bruder und Schwester haust. Der Hunger treibt die Kleine nach Litauen: dort übernachtet sie in Wäldern oder unter Brücken, nur wenn es im Sommer Arbeit gibt, findet sie bei Bauern Unterschlupf. Um nicht als Deutsche aufzufallen, nennt Liesabeth sich bald "Maritje", Maria auf Litauisch. 1953 wird Liesabeth festgenommen und zu sieben Jahren Straflager verurteilt, weil sie Kleidung und Brot gestohlen hat. Erst kommt sie in ein Kindergefängnis in Kineschma an der Wolga, dann in ein Frauenstraflager bei Archangelsk am Weißen Meer. Da sie kräftig ist und gut arbeitet, nennt man sie bald die "Eiserne Maria". Als sie nach sieben Jahren Haft entlassen wird, beginnt ihre Irrfahrt durch die Sowjetunion: als vorbestrafte Deutsche begegnet man ihr überall, wo sie um Arbeit bittet, mit Ablehnung und Misstrauen. Von Rostov am Don geht sie nach Litauen, lässt sich schließlich nach Sibirien anwerben. Dort, in Krassnojarsk, lernt sie ihren Mann, den Vater ihrer Tochter Elena kennen. Doch die Ehe mit dem gewalttätigen Russen geht in die Brüche, und so muss sich Liesabeth wieder alleine durchschlagen.

Nie hat sie ihren deutschen Namen Liesabeth Otto und ihr Geburtsdatum vergessen und immer wieder versucht, ihre Verwandten zu finden. Doch erst 1975 erhält sie die Anschrift des Roten Kreuzes in Moskau. Sie schrieb hin, und ihr Brief wird sogleich zum Suchdienst nach Hamburg weitergeleitet. Bereits im Frühjahr 1976 bekommt sie Antwort: Vater und Bruder leben in der Nähe von Oldenburg. Kaum ein halbes Jahr vergeht dann bis zur Ausreise in den Westen. Mit einem Eimer voller Beeren, einem Koffer und der 9-jährigen Elena an der Hand kommt Maria Logwinenko, geb. Liesabeth Otto im September 1976 in Braunschweig an. Die 38-jährige will ein neues Leben beginnen, erlernt innerhalb kürzester Zeit wieder ihre Muttersprache, lebt zuerst beim Vater, schließlich in einer eigenen kleinen Wohnung. Doch sie fühlt sich nicht Zuhause in Westdeutschland. Denn sie macht sich Sorgen um ihre große Tochter, die in Sibirien zurückgeblieben ist. Niemand weiß von diesem Kind der Schande, das aus Vergewaltigungen durch Wachsoldaten hervorgegangen ist. Weihnachten 1977 packt Liesabeth Otto ihre Koffer und fährt zurück hinter den eisernen Vorhang. Eine Entscheidung, die keiner der Verwandten und Bekannten begreifen kann. Der Kontakt zu ihr wird abgebrochen.

Anfang der achtziger Jahre kehrt Liesabeth Otto aus Sibirien zurück in ihre alte Heimat, ins Gebiet Kaliningrad, das ehemalige nördliche Ostpreußen. Dort lebt sie mit ihrer Tochter und den beiden Enkelkindern als Deutsche unter Russen, als Mittlerin zwischen Ost und West. Einmal im Jahr ist sie ein paar Wochen bei ihren Freunden in Deutschland, meist besucht sie dann das Grab ihres Vaters. Doch es zieht sie immer wieder zurück ins Gebiet Kaliningrad. Nur hier, unter dem ostpreußischen Himmel, fühlt sie sich Zuhause. Hier hat sie ein kleines Holzhäuschen und einen Garten, in dem sie Kartoffeln und Gemüse anbaut. Denn von 180 DM deutscher Sozialhilfe und 40 DM russischer Rente kann sie ihre vierköpfige Familie nicht ernähren. Dabei wird sie stets daran erinnert, da§ sie hier als Deutsche unter Russen lebt. Denn seit Mitte der neunziger Jahre wird das Leben auch im Gebiet Kaliningrad immer härter.

Liesabeths Nachbarn handeln mit Drogen und Schrott, haben beste Verbindungen zur Mafia. Seit der Nationalismus erstarkt ist, erfährt sie als Deutsche wieder Ablehnung, die während des Kossovo-Krieges schließlich wieder in den alten Hass gegenüber Deutschen mündet: Liesabeth Otto wird nachts in ihrem Haus brutal überfallen und zusammengeschlagen, ihre Tochter und Enkelkinder gefesselt und geknebelt. Es sei schade, dass sie überlebt habe, lautet der Kommentar der Nachbarn. Kein Wunder also, wenn sich Liesabeth Otto seitdem immer häufiger die Frage stellt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie als Kind den Krieg nicht überlebt hätte oder doch wenigstens in den siebziger Jahren mit ihrer Tochter in Deutschland geblieben wäre. Aber dann fügt sie meist hinzu: In Russland und hier in meiner alten Heimat war ich glücklich, ich hatte Arbeit und gute Freunde. Und ich war stark, halt "die eiserne Maria". Heute ist die 63-jährige krank, gezeichnet von den Jahrzehnten ihres Überlebenskampfes. Doch für ihre Enkelkinder wird sie weiterkämpfen.